Weihnachten auf der Polarlys: Im Dunkeln ist gut schunkeln! [19.12.-30.12.2021]

  • Willkommen zurück! Heute geht es weiter in Richtung Weihnachten und zurück gen Süden. Jedenfalls ein bisschen.


    Tag 6


    Die Nacht war wieder unauffällig, wenngleich zu merken ist, dass die See immer mürrischer wird. Das wird sich im Laufe des Tages, der übrigens der Heiligabend des Jahres 2021 ist, noch deutlicher bemerkbar machen. Die morgendliche Routine ist nun sattsam bekannt. Ein Blick nach draußen, kalt ist es geworden, windig dazu. Und noch ist nichts zu sehen, außer den wenigen Häusern des von mir aus irgendwelchen Gründen geliebten Havøysund. Das Frühstück ist heute im Warmanteil deutlich deftiger als an den Tagen zuvor, wahrscheinlich sollen wir für die Landgänge gemästet werden. Andererseits droht jenen, die zum Nordkap wollen schon ab 10.30 Uhr der nächste Termin zur Nahrungsaufnahme, ich würde spätestens um 10.31 Uhr platzen. Ganz langsam blaut der Morgen. Nein, er graut nicht, er blaut. Wasser, Felsen und Himmel nehmen eine merkwürdige farbliche Symbiose in blau an.



    Der Morgen blaut.


    Auf Deck 5 haben sich wieder einige Unentwegte versammelt, die gemeinsam Ausschau halten und sich unterhalten. Wir fahren geschützt zwischen Felsen und Inseln hindurch und – Delphine springen mindestens dreimal vor unserem Schiff auf – leider geben sie vorher nie bekannt wo, das würde Fotos doch deutlich vereinfachen. Unterdessen nehmen wir Kurs auf Honningsvåg, dem Tor zum Nordkap. Für die meisten jedenfalls. Ich habe mich gegen den Ausflug entschieden, weil ich nicht viel Geld für wenig Wetter bezahlen wollte, selbst wenn es jetzt zu Heiligabend vielleicht doch hübsch geworden wäre.
    Nein, mein Programm ist das Fotografieren und Spazieren, ich lasse mich im Ort treiben. Das Wetter ändert sich allenthalben. Besonders kalt ist es nicht, aber Schneeschauer kommen schneller als man sich versieht, danach scheint die Sonne sozusagen von unten, das heißt, es gibt Licht oder es ist einfach bewölkt. Am Anleger gibt es sogar Magnete, die Inhaberin ist sehr freundlich und auch im Narvesen nebenan ist man erfreut über jemanden, der nicht zum Nordkap fährt, sondern nur den Drang nach trinkbarem Kaffee nachgibt. Ich gehe los. Mache ein paar wenige Bilder im Hafengebiet und von der Polarlys.




    Zeit genug für Bildspielereien im Hafen war jedenfalls.




    Genug Schnee lag auch.


    Der ganze Ort ist sehr ruhig und leise, die Einwohner gehen mit ihren Holzschlitten zum Einkauf. Eine innere Stimme sagt mir, ich sei zu Höherem berufen. Folgerichtig gehe ich bergan und suche mir etwas oberhalb des Ortskernes einen Fotostandort. Der Ort, das Schiff, die Berge – alles liegt vor meinen Stativfüßen und Motive gibt es mehr als genug, denn auch in den Straßen diesseits und jenseits finde ich einige Sujets. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich mich zum Mittagessen begeben sollte.




    Ho-Ho-Honningsvåg heißt es in wenigen Stunden.



    Ich lasse mir Zeit und das zu Recht: Dan Olsen ist erfreut, mich zu sehen, Kellner Oskar hat nichts zu tun, denn es gibt Buffet. Ich vergaß: Oskar hatte doch eine Aufgabe, denn verschwörerisch stellt er mir eine Frage, ob der Tag morgen nichts, nichts Großes oder nichts Kleines sein solle. Nichts Großes, bitte.
    Nach dem Mittagsessenbuffet werde ich von der Dame am Landgang auf die Zeit hingewiesen, aber das Problem bin nicht ich – das Problem sind die Busse vom Nordkap, die erst nach Abfahrtzeit des Schiffes einlangen und uns so Verspätung bescheren. Keiner konnte mir allerdings sagen, warum. Julklapp mit Rentieren? Ich konnte jedenfalls noch ein bisschen fotografieren und fabrizierte einige Kunstschüsse.




    Im Hafen.




    Eine Freundin mochte dieses Bild besonders, dabei war es eher ein Versuch denn ernst gemeint.



    Der Heiligabend steht bei Hurtigruten offenkundig unter der Losung: „Maximal zwei Stunden zwischen zwei Mahlzeiten“ und so gibt es schon kurz nach dem Ablegen ein Kuchenbuffet, das ich jedoch verschlafe. Die See wird deutlich rauher, aber so lang ist die Fahrt nach Kjøllefjord nicht. Dortselbst haben wir den zweiten großen Aufenthalt dieses Tages, denn hier liegt das Schiff für die Weihnachtsmesse deutlich länger als sonst. Vor dem Schiff wartet der Weihnachtsmann auf uns. Er wirkt absolut überzeugend, darf aber wegen der geltenden Regeln leider nicht an Bord. Allerdings erfreut er sich an meinem und Jürgens Interesse, ihn zum Motiv für ein kurzes Fotografieren zu erkiesen.




    So lang dürfte der Heimweg in diesen Breitengraden ja nicht sein.




    Es geht den Schiffen wie den Menschen - beide liegen auf dem Trockenen.



    Danach verlustieren wir uns im weitläufigen Hafengebiet für ein paar weitere Bilder, bevor Jürgen vom Abendessen gerufen wird und mir kurze Zeit dasselbe widerfährt. Wie schon in Honningsvåg gab es auch hier Expeditionen mit dem Ausflugsteam oder ähnlich, doch danach stand uns nicht der Sinn.




    Und weil es so schön war...



    Zurück an Bord machte ich mich so fein, wie es eben ging, allerdings ist Heiligabend jedenfalls im Nordosten Deutschlands und auch in Tschechien kein besonderer Tag, deshalb blieb ich eher nüchtern ob irgendwelcher Feierlichkeiten und auch sonst, Alkohol durfte auch heute nicht ausgeschenkt werden. Und die Medizin für alle Fälle sollte ihren Ersteinsatz bald erleben dürfen. Das Buffet war voll von norwegischen Spezialitäten. Ich probierte tapfer einiges und hatte dann doch bald das Gefühl, irgendwie war dieser Bissen jetzt zu viel. Zu viel von irgendeinem Stoff hatte wohl auch der Hotelchef, denn er lässt sich von zwei (Plüsch-)Rentieren auf einem Schlitten durch das Restaurant ziehen und verkündet, es gebe Geschenke, Geschenke, Geschenke.
    Die gab es dann eher in einer Zeremonie, die an Allerheiligen in Polen erinnerte – irgendwo stand ein Kistchen, aus dem man sich etwas nehmen konnte, aber Geselligkeit gab es nicht. Wohl auch dem Seegang geschuldet, der wieder stärker wurde und garniert mit Sturm, der Stärke 9 erreichte. Aber mir ging es so weit eigentlich gut. Die Bescherung fand dann gegen 21 Uhr statt: Nordlichtalarm. Verflixt, Nordlicht am ersten Tag gleich in Bergen und dann am Heiligabend, Hurtigruten macht es doch ein bisschen zu auffällig. Nur wenige zeigten aber Interesse an diesem Naturschauspiel, denn das Naturschauspiel Seegang konnte man fühlen, sehen und erleben, da waren die Präferenzen klar. Ich ging in die Kabine und bettete mich, es schaukelte, aber das machte mir auch weiter nichts aus.



    Tag 7


    Bis 3.06 Uhr. Ich wurde wach und erinnerte mich sofort an das Gefühl von gestern Abend, als ich meinte, dass dieser Bissen jetzt einer zu viel gewesen sei. Offenkundig hatte das Rechenzentrum in meinem Körper das ganz genauso kalkuliert und meldete sich zum Abbau dieses Bissens an. Frohe Weihnachten. Frohe Weihnachten hatte das Zimmermädchen danach bestimmt nicht mehr, ich allerdings auch erst einmal nicht mehr. Doch da war ja die Flasche mit dem Becherovka. Zwei gezielte Becher desselben versetzten mich wieder in den Schlaf, der dann doch noch erholsam wurde. Sollte ich diesen Bericht im Forum vielleicht 4G nennen? Gebucht, gefahren, gegessen, gebrochen? Im Traum ging ich diese Variante durch, aber gerade, als ich den Bericht beginnen wollte, wachte ich auf. Einmal Nachschau gehalten – so schlimm war es gar nicht, mir ging es gut und ich wollte nur raus an die frische Luft. Dort stand ich dann 15 Minuten, bevor ich zum Frühstück ging. Die Verspätung ist immer noch unser Begleiter, weswegen sich auch der Aufenthalt in Kirkenes verkürzt. Das Frühstück fiel mit Tee, Knäckebrot und etwas Obst in etwa so aus wie die Wegzehrung eines überbemutterten Dreiklässlers beim Schulausflug, aber ich sah, dass die Tische heute allgemein leerer blieben.


    Und dann endlich Kirkenes. 2017 hatte ich hier die Möglichkeit, dank der Initiative meines Mitreisenden Peter an einem kurzen Autoausflug teilzunehmen, der uns zum alten und zum neuen Grenzübergang führte, heute würde mein Programm mit dem Mitreisenden Stativ stattfinden. Jürgen begab sich mit der Familie an Land, ich kaufte – genau – und marschierte dann auch in die kleine Stadt.




    Endstation Kirkenes.



    Die wenigen Leute auf der Straße waren alle sehr aufgeschlossen und wünschten samt und sonders „Frohe Weihnachten“. Ich lief vorbei am Denkmal der Roten Armee, durch das Stadtzentrum und wieder zurück und schaute mir insbesondere die russischsprachigen Schilder an. Auf dem Stadtplatz grüßt eine Königskrabbe. Keine echte, sondern ein Kinderspielplatz.




    Ein dankbares Motiv.




    Das Leben tobt, dank Narvesen, Weihnachtsmesse und einem Postschiff...




    Diese Krabbe fand im Gegensatz zu ihren Schwestern im Aquarium doch einige Freunde mehr in meinem Umkreis.


    Ausnehmend niedlich. Und weiter geht der Rundgang. Um die -10 Grad Celsius, aber sehr angenehm. Ich suche einmal mehr einen Fotostandort und finde diesen in einem Wohngebiet, wo man Leute wie mich wohl kennt, denn alle grüßen und bedeuten mir den Platz zum Fotografieren. Danach ging ich bergab in Richtung Schiff und traf auf Jürgen und Familie. Meine Familie rief mich an und war erstaunlich gut informiert über Wetter und Aufenthaltsort. Etwas Sehnsucht war auf beiden Seiten vorhanden. Bei mir kam noch jene nach Russland dazu, immerhin bot mein Handy schon russisches Mobilfunknetz.




    Und noch einmal von oben fotografiert, bevor es dunkel wird...



    Auf dem Schiff gab es Mittagessen, wieder als Buffet. Jetzt hatte ich Hunger. Also nahm ich mir ausgiebig und verlegte danach auf die Kabine, denn das Tagesprogramm für heute war im Prinzip erledigt. Und das Wenige, was es gab, wurde noch reduziert, denn bis auf den Hafen in Båtsfjord konnten wir wegen des Sturmes nirgends anlegen. Dafür lagen wir in besagtem Hafen dann etwas länger, was mir ganz gut gefiel. Abendessen gab es natürlich auch – à la carte. Er avancierte zu einer norwegisch-russischen Orgie – es gab nämlich Borschtsch, russischen Kuchen und eigentlich wollte ich Sellerierindfleisch nehmen, doch Oskar meinte, dass ich mir damit keinen Gefallen tun würde. Also nehme ich Kabeljau. Und Julebrus. Zwei norwegische Flaggen zieren meinen Tisch, was zu allgemeiner Gratulationswilligkeit bei Crew, Gästen und auch von Dan Olsen führt. Allerdings wird heute der Zettel mit den Informationen zum Essen eingesammelt, das muss man noch einmal klären. Am besten zusammen mit einem Fototermin. Zufrieden gehe ich auf die Kabine. Unterdessen folgen weitere Anrufe, verbunden mit ungläubigem Staunen über meinen Aufenthaltsort. Der Sturm hat nun Stärke 10 erreicht, das Schiff wiegt mich in den Schlaf und auch in der Nacht werden wir noch einige Häfen auslassen. Hoffentlich gibt es morgen dennoch ein Hammer Fest.


    Viele Grüße
    Martin

  • Hallo!
    Nach viel zu langer Zeit geht es nun doch noch weiter im Bericht. Einerseits war ich unterwegs und beschäftigt, kurz danach begann das neue Semester und als ob dem nicht genug wäre, nun auch noch die Krise in der Ukraine - verbunden mit mehr Unterricht für mich und entsprechender Vorbereitung, denn eine Fremdsprache in einer Fremdsprache zu unterrichten ist doch nicht ganz so trivial. Dazu Technikprobleme und schon ist eine ganze Zeit um. Dafür bitte ich um Verständnis.


    Tag 8
    Wie gesagt, wir haben einige Häfen ausgelassen, worüber ich morgens beim Frühstück informiert werde. Angeblich sei die Nacht noch ärger gewesen als jene zuvor. Jetzt ist das Wetter aber wie ausgetauscht, klare Luft, ruhige See und Licht, soweit es eben geht. Wir schreiben den zweiten Weihnachtsfeiertag und dementsprechend ist die Stimmung überall recht ruhig.
    Bevor wir aber nun Hammerfest anlaufen, gibt es einmal mehr einen Termin auf dem Deck 7 am Heck des Schiffes. Und ein Signalwort lässt mich aufhören: es gibt einen starken Kaffee!





    Also, wir lernen etwas über Hammerfest und Umgebung und tatsächlich gibt es Kaffee. Gesagt wird nur, dass sich darin auch Gewürze befänden. Zu schmecken sind Kardamom, Pfeffer, Schokolade und Chili. Klingt wie ein Gulaschrezept der Nouvelle Cuisine, war aber Kaffee. Und lecker. Und ein Erweckungserlebnis für Leib und Seele. So gestärkt freute ich mich auf den Landgang, vielen anderen ging es ähnlich – denn fast alle gehen in Hammerfest von Bord. Obgleich es hier heute gar nichts gibt. Also außer der Kirche und dem Lebensmittelgeschäft. Und Narvesen. Leider hat niemand Magneten, aber egal,widmen wir uns mit Stativ und Kamera der Kirche von 1961.










    Ganz so eindrucksvoll wie die Eismeerkathedrale ist sie nicht, aber doch ein dankbares Motiv. Es wird Schnee abgefahren und verklappt und man glaubt nicht, wie viele Autos an so einem ruhigen Tag die nahezu einzige Straße des Ortes frequentieren. Ehebaldigst bin ich wieder auf dem Schiff, es gibt ja schließlich noch Mittagessen. Und ganz ruhig geht es weiter. Eigentlich fast langweilig, denn es wir schon wieder dunkel und es passiert fast nichts. Fast. Doch, für 15 Uhr ward zum traditionellen Lebkuchenherzendekorieren gerufen. Und Martin ist zwar kreativ, aber die Umsetzung ist dann doch etwas komplizierter. Am Ende hat es aber Spaß gemacht und das ist doch schließlich die Hauptsache, oder?
    Kurzweiliger Spaß für die ganze Familie. Sonst verbringe ich die Zeit mit dem Fotografieren oder Dösen oder Lesen. Jürgen schwant nach diesem Tag schon das, was kurze Zeit später am Abend wirklich benannt wird: Nordlicht!



    Angeblich nur schwach zu sehen, aber durch die Kamera doch eine illustre Komposition unterschiedlichster Grüntöne. Der Spuk dauert aber nicht lange, dann ist wieder Sternenhimmel in schwarz-weiß angesagt. Ich überlege, was ich mit dem Aufenthalt in Tromsø machen würde. Die Wahl fällt auf Fotografie.


    Tag 9


    Leider ist das Schiff wieder etwas verspätet, dem entsprechend ist der Aufenthalt auch verkürzt. Weil es aber keine
    Mitternachtskonzerte gibt, komme ich ziemlich schnell vom Schiff, stiebe durch frischen Schnee und nehme Kurs auf – natürlich – die Brücke, die Kirche!





    Fast ohne Autos in tiefschwarzer Nacht erhebt sich die Eismeerkathedrale noch majestätischer als bei Tageslicht. Zeit habe ich nicht so viel, aber niemand ist unterwegs. Auch die Brücke selbst macht etwas her, egal ob von unten oder
    von oben. In Tromsø kann man sich wirklich gut verlustieren, da wäre ein längerer Aufenthalt durchaus noch etwas. Wer weiß wann. Eiligen Schrittes husche ich zurück zum Schiffe, wo man ungeduldig auf mich wartet.





    Nach mir geht die Zugbrücke hoch, bei mir die Augenlider herunter. Und ich schlafe natürlich, beseelt durch gute, klare Nachtluft wie ein Stein und verpasse sogar meinenFrühstückstermin. Macht aber nichts. Ich fasse meinen Mut zusammen und frage Dan Olsen am Tresen wegen der Speisekarte vom 25. Dezember und wegen einer Fotogelegenheit im noch leeren Restaurant. Mit Begeisterung macht er mir ein Angebot und ich wackele zufrieden nach draußen. Es zieht wie Hechtsuppe. Das Wetter ist zwar so weit gut, aber der Wind und zeitweise Niederschläge machen den Aufenthalt doch arg ungemütlich. Fotomöglichkeiten gibt es dennoch, die grazilen Brücken sind in dieser Landschaft wirklich außergewöhnliche Objekte.




    Kurz vor Sortland werden wir an Deck gebeten, um den Ausflüglern in den Reisebussen
    mit Flaggen gebührend zu winken. Danach habe ich endlich meine Verabredung mit Dan Olsen. Die Tür wird mir geöffnet und ich kann mich mit der Kamera austoben. Ungefähr 10 Minuten lang geht das so. Ganz zufrieden bin ich nicht, aber das vor allem mit mir. Das hätte ich noch fotografieren können, das auch und das vielleicht? Wie dem auch sei, ich habe das, was ich wollte.





    hurtigforum.de/index.php?attachment/220539/





    Und damit nicht genug ist auch das Mittagessen ganz außerordentlich schmackhaft. Den Nachmittag verbringe ich an Deck, denn wir bewegen uns auf Stokmarknes zu und auch wenn der Wind pfeift, die Sonne lacht! Mein Aggregatzustand verändert sich fast, ich friere doch ganz schön. Aber die Aussicht entschädigt, frische Luft, die Kamera in der Hand und sich treiben lassen. Irgendwann wird es dann doch Zeit für
    Stokmarkness und ich freue mich auf einige Bilder und das neue Museum. Gut, das sehe ich nur von außen, denn über 20€ für einen Sprint durch die Ausstellung sind mir dann doch irgendwie nicht das Geld wert. Wenn möchte ich Zeit haben und nach meinem Gutdünken durch das Schiff lustwandeln. Besonders enttäuscht mich der Museumsshop. Dort, wo im alten Museum Literatur, Spiele und allerlei Killefit angeboten wurde, gibt es jetzt wohldesigntes Alltagsgerät, aber
    nichts, was man sich so, als Andenken, für gleich kaufen würde.




    Sehr schade. Also unverrichteter Dinge weiter durch den kleinen Ort, im Supermarkt gibt es Schokoladennachschub und dann heißt es auch schon wieder Schlussspurt zum Schiff. Doch nicht, ohne vorher noch einmal den imposanten Museumsneubau gekonnt in Szene gesetzt zu haben. Mut zu derartigen Museumsbauten würde ich mir auch für Norddeutschland wünschen, aber ich könnte jetzt ebenso gut für Nordlicht tanzen. Brächte genauso viel. Weißes Licht in erhöhter Konzentration erhellt am Abend die Mündung des Trollfjords. Das Wetter ist uns gewogen und so erfüllt sich für zahlreiche Mitreisende wohl doch noch ein Wunsch. Ich selbst will es mir eigentlich verkneifen, da ich den Fjord kenne und eigentlich auch nichts weiter zu sehen ist. Aber es lockt dann doch. Und tatsächlich gibt die Beleuchtung einen guten Eindruck dessen wieder, was man bei Tageslicht hier sehen könnte.





    Der Auflauf an Passagieren ist nicht zu vernachlässigen und führt auch zu Gedrängel. Also ziehe ich mich vornehm zurück und verabrede mich mit Jürgen, der in Svolvær schon einen Plan hat. Nach dem Abendessen laufen wir dann auch pünktlich ein und die Idee ist nun, die riesigen Gestelle zum Trocknen des Fisches zu besuchen. Luftlinie sind es vielleicht 200 m, zu Fuß fast drei Kilometer. Auf geht’s! Begleitet und unterhalten von Jürgens Söhnen finden wir den Weg leicht, Jürgen ist auch nicht zum ersten Male dort. Angekommen auf der kleinen Insel begeistert mich die schiere Größe der Gestelle sehr, man sieht ihnen an, dass sie Wind und Wetter, Wärme und Kälte trutzen.



    Nun sind die Kameras und Stative an der Reihe. So viel Zeit bleibt am Ende dann auch nicht – wir könnten zwar freundlich winken, aber ob uns jemand von der Insel mitnehmen würde? Also drei Kilometer zurück, immerhin ist das Wetter angenehm. Am Schiff angekommen sind wir dann sehr zufrieden über das Fotografierte und gehen bald zurück an Bord. Und ich habe sowieso noch etwas vor – spaßeshalber hatte ich nach einem Termin im Whirlpool gefragt und bekam auch einen. Nicht, dass es mich irgendwie erhöbe, aber bei arktischen Temperaturen auf einem Schiff in einem Whirlpool zu sitzen – warum nicht? In der Tat ist es dann recht angenehm, wenngleich ich Nichtstun zu Wasser und zu Land eigentlich kaum aushalte. Dennoch fühle ich mich nach dem Bade gut ausgeruht und habe meiner Meinung nach
    auch die nötige Bettschwere.

    Bis (hoffentlich) bald!
    Martin










  • @murmansk84
    Super Bilder, die s/w Bilder sind sehr interessant, Bild 30 macht sich sicher gut auf Alu Dibond in min. 100 x 60 cm oder größer. Habe vor einigen Jahren die Brücke des 17. Juni so fotografiert, da ich ein großes Bild für meine Wohnzimmer Wand benötigte.
    Vielen Dank auch für den interessanten Bericht. :thumbup:
    Liebe Grüße Manu

  • Endspurt: Immer weiter südlich.


    Am frühen Morgen zieht es mich aus dem Bett und tatsächlich – die Tage werden wieder deutlich länger. Umrisse, Konturen, ja sogar Farben sind am Himmel sichtbar. Und bald darauf kommt auch das Frühstück in Sicht. Das Wetter, naja. Nicht besonders gut, nicht besonders schlecht. Ein bisschen wärmer als bisher vielleicht und vor allem ist es auch noch relativ dunkel, als wir an der Kugel, die die Welt bedeutet vorbeifahren, wir passen den Polarkreis und die Sonne geht auf. Nein, das ist natürlich nicht so. Aber wir alle heischen schon nach Sonne, doch so weit ist es noch nicht. Erstmal gibt es Frühstück und dann ruft der Lebertran. Und wieder gibt es einen neuen Löffel für die Sammlung. Ich habe diesmal vorgesorgt und gleich geschluckt, damit sich das Ölige nicht im Mund festsetzt. Das Schiff plätschert ansonsten so dahin, alles ist ganz ruhig und ich vertreibe mir die Zeit mit dem Fotografieren. Vordern, Achtern. Überall.







    Aber mit der Zeit wird es trotzdem wieder recht kalt und so wärme ich mich dann und wann auch mal wieder auf. Der Tag ist so unauffällig, dass ich mich schon frage, was ich denn überhaupt aufschreiben soll. Zum Mittagessen gibt es heute das norwegische
    Nationalgericht Fårikål, überraschenderweise. Ich weiß nicht so recht, was mich geritten hat, aber wahrscheinlich Abenteuerlust, denn ich bestelle Lamm, obschon ich es eigentlich nicht mag. Gut, es war nicht schlecht, ich müsste es nicht jeden Tag essen, aber es war eine kleine Portion und so hat man wenigstens einmal eine Vorstellung davon, was das eigentlich ist. Und als Dessert gibt es Sandnessjøen. Endlich mal wieder an Land. Aber auch nicht für lange, denn viel Zeit ist nicht und ein bisschen Verspätung haben wir auch. Zu sehen sind die Sieben Schwestern.



    Irgendwann mache ich einen Bildband der Warteräume entlang der HR.




    Willkommen!




    Kennt dieses Bild jemand?



    Und es gibt dort nahezu nichts, nur Eis und Schnee. Ein paar Bilder gemacht, geschaut, ob es irgendwo Magneten gibt (nein) und wieder ab auf’s Schiff. Achja, einen Kaffee bei Freund Narvesen habe ich mir noch gegönnt. Und weiter geht die vergnügliche Reise, nun schon wieder bei abnehmender Helligkeit und hereinbrechender Dunkelheit. Man vertreibt sich die Zeit an der frischen Luft,
    in der Koje oder beim wiederholten Durchstöbern des Bordshops. Das Kochbuch gefällt mir gut, ist mir aber etwas zu teuer. Aber vielleicht habe ich auch damit dereinst Glück und bekomme es günstiger. Apropos Kulinarik: Angekommen in Brønnøysund führt mich mein Weg direkt in die Eisdiele. Es ist ja nicht kalt genug. Das ist es tatsächlich nicht, knapp um 0 °C. Das Eis schmeckt und öffnet das fotografische Auge. Fantastische Lichtstimmungen sind zu sehen, das Stativ
    freut sich auf ein bisschen Arbeit und die Kamera auf etwas Anderes als nur Dunkelheit.




    Nachdem die Bilder im Kasten sind, mache ich mich auf zum Buchhandel. Dort gibt es Magnete, allerdings keine vom Ort selbst, sondern „nur“ vom Torghatten. Dann ist es so. Ein Einkauf im Supermarkt und ein Besuch in der örtlichen Poststelle runden den Aufenthalt ab und dann geht es auch schon zurück auf das Schiff. Das Abendessen ruft. Aber auch nur das. Sonst ist in aller Bescheidenheit nichts los, nur ein bisschen Plauderei mit den Bekannten, die Auswertung der Lebkuchendekoration und anschließend Signierstunde mit den wichtigsten Leuten an Bord, das heißt in meinem Fall auch mit Oskar und Oberkellner Dan Olsen. Die wurden von mir einzeln um Autogramme ersucht. Den Abend verbringe ich dann noch einmal im Whirlpool, den ich heute jedoch nicht für mich allein habe. Ich schaue nicht schlecht, als sich eine wildfremde Dame zu mir gesellt, die meinte, sie habe auch gebucht. Nun denn. Das Einzige, was brodelte war auch weiterhin das Wasser.




    Bestellungen?


    Tag 11
    Der nächste Morgen stand dann im Zeichen der Eisenbahn. Mit Jürgen war ein Treffpunkt ausgemacht, an dem wir beide auch mit bemerkenswerter Präzision eingetroffen waren. Gemeinsam ging es bei Dunkelheit und doch knackigen Temperaturen gen Bahnhof. Dort machten wir verschiedenen Zügen unsere Aufwartung, unter anderem kam der Nachtzug aus Bodø an.




    Trondheim - nights without lights




    Ich würde gerne einsteigen.




    Farbenspiel




    Ich finde es sehr faszinierend, dass man beide Orte kennt, aber keinerlei Vorstellung von einer Landreise zwischen diesen beiden
    Städten hat. Unser Treiben hat niemanden interessiert, im Gegenteil. Grüße gingen an die beiden Gestalten, die morgens um kurz nach 7 schon Bilder machen. Aber genug der Eisenbahn. Nach einem kurzen Besuch bei Narvesen liefen wir in Richtung Schiff zurück, nicht ohne am Rockheim und in den neuen Hafengebieten noch Fotohalte einzulegen.






    Fotografendämmerung.


    Bedingt durch die tatsächlich aufkommende Dämmerung ergeben sich dabei schöne Lichtspielereien. Glücklich und zufrieden begeben wir uns zum Schiff zurück, wir werden an Bord gelassen und dann gibt es auch ein gemeinsames Frühstück. Ein spätes Frühstück. Und dann geht die muntere Seereise weiter. So richtig ist aber eigentlich nichts los, das Wetter durchwachsen, die Stimmung gut, aber man kann sich auch nicht beschweren. Ich schreibe Tagebuch, speichere Fotos und so langsam muss man ja auch darüber nachdenken, wie man den Koffer packt – die viel wichtigere Frage ist dabei eigentlich, ob überhaupt.






    Man könnte auch noch ein paar Tage dranhängen. Aber das ist Zukunftsmusik. Am Nachmittag legen wir dann doch noch einmal an, bei absolutem Mistwetter in Kristiansund. Das Problem hier ist nämlich, dass es gleichzeitig taut und nicht taut. Schneematsch macht sich breit, entsprechend ungemütlich wirkt es. Aber dafür gibt es in einem Geschäft tatsächlich Magneten.





    Schwer zu glauben, dass Morgen schon alles vorbei sein soll. Und weiter geht es, das Abendessen ist ein bisschen wehmütig, aber noch sind wir ja unterwegs. Die Reiseleitung unterdessen hatte sich noch einen Programmpunkt überlegt: ein Quiz. Nun wissen wir von Hape Kerkeling ja, dass das gesamte Leben nur ein Quiz sei (das merke ich jeden Tag) und so mache auch ich mit. Am Ende sind wir dann drei mit derselben Punktzahl. Großer Mann, was nun? Obskure Ideen von Liegestützen machen die Runde, am Ende wird gelost. Also ein ehrenvoller 1,33. Platz. Ohne Preis geht es zurück auf die Kabine, Molde wird gegrüßt und wenn wir Molde grüßen, grüße ich innerlich auch Egbert. Die letzte Begegnung mit dem entgegenkommendem Hurtigrutenschiff fällt kühl und kurz aus.


    Die Nacht und der Morgen sind unauffällig, ich schaffe es tatsächlich, mein Gepäck rechtzeitig bereitzustellen und bin nun nur noch mit dem Handgepäck bewaffnet auf dem Schiff unterwegs. Das Wetter ist übel. Riesige Wellen, Wind, dazu alles so grau, dass man denken könnte, ich würde gerade schwarz-weiß fotografieren.







    Zum letzten Mittag gab es noch einmal sehr guten und teuren Fisch, ich meine, dass es Heilbutt war. Abschied von den Tischnachbarn, Abschied von Oskar und Abschied von Dan Olsen. Mir ist es etwas peinlich, dass ich nur tschechische Kronen in die Trinkgeldbox werfen kann, sehe dann aber, dass ich damit nicht allein. Und Dan Olsen meint dann auch, dass irgendwer das sicherlich umtausche… Mit Jürgen erwarte ich die Einfahrt nach Bergen. Es regnet, es windet. Bergen ist nicht auszumachen, erst im letzten Moment erkenne auch ich, dass wir schon längst Kurs auf die Stadt nehmen.





    Das Schiff der Fjordline ist dann doch zu auffällig. Wir kommen pünktlich an, das Schiff macht fest, wir gehen von Bord, holen das
    Gepäck und das war es dann. Elf Tage Schifffahrt, elf Tage Abwechslung, Zerstreuung und Zeit zum Abschalten. Durch das Stadtzentrum laufe ich zum Bahnhof, schaue noch einmal links und rechts und fahre mit der Stadtbahn zum Flughafen. Dortselbst gibt es den Kaffee, der nach dem Abstempeln der Stempelkarte gratis ist und dann ging es auch schon in den Flieger gen Berlin…





    Was bleibt?


    Viele Bilder, die in einem Fotobuch veröffentlicht und hier an der Universität gezeigt wurden.


    Die Bekanntschaft mit Jürgen, den ich im Mai auch erstmals in Tschechien begrüßen durfte.


    Die Sehnsucht, sich mancherlei Fotoobjekten noch einmal widmen zu können.


    Der Plan, beim nächsten Mal auch mit dem Zug nach Bergen zu fahren.


    Die Feststellung, dass ich zwar seetauglich, aber nicht weihnachtsessentauglich bin.


    und…



    So Euch ein paar Bilder bekannt vorkommen... wer weiß, woran es liegt.



    Vielen Dank für das Mitreisen! Bis bald!
    Martin

  • Vielen Dank lieber @murmansk84 für den tollen Reisebericht mit phantastischen Fotos! Besonders auch die Schwarz-weiß-Fotos, ich staune immer wieder über das Können, besondere Blickwinkel zu erkennen und im Bild festzuhalten. Wahrlich eine Kunst!

  • @murmansk84, manchmal stelle ich mir vor, dass eine Landschaft mit jedem Foto, das von ihr gemacht wird, etwas verblasst.
    Von der norwegischen Küste bliebe da wohl nicht viel übrig.
    Wie es dir gelingt, doch noch Unentdecktes aufzuspüren und mit deinem besonderen fotografischen Blick zu gestalten, finde ich
    fantastisch und sehr anregend.
    Die Warteräume entlang der HR haben gewiss noch nichts von ihrer Farbe eingebüßt - wenn sie denn je eine hatten.



    Viele Grüße
    omlia :)

    Reiseberichte im Profil

  • Nicht nur sensationelle Fotos, sondern auch ein launiger Bericht :thumbup: Da habe ich mit Vergnügen mitgelesen und -geschaut und mir für zukünfitge Reisen die eine oder andere bisher unentdeckte Fotolocation im Hinterkopf abgespeichert.

    Viele Grüsse, Albatross
    Reiseberichte im Profil

  • Vielen Dank für den interessanten Reisebericht mit tollen Fotos - insbesondere #40 :good3:


    Die Bahnfahrt von Bodo nach Trondheim habe ich im September 2012 erlebt - sie hat mir sehr gefallen. :8o:


    Ein paar Fragen hätte ich noch:


    > Was sprach gegen den Magneten vom Torghatten? Oder sammelst Du nur solche mit Stadt- bzw. Ortsnamen?
    > Was war der Preis des Quizes?

  • Servus:


    > Was sprach gegen den Magneten vom Torghatten? Oder sammelst Du nur solche mit Stadt- bzw. Ortsnamen?


    Ja, also ich hätte schon gerne einen Ort auf dem Magneten. Lustig waren Magneten von Narvesen mit Sehenswürdigkeiten aus ganz Norwegen, nur nicht mit Ortsnamen, sondern mit dem Aufdruck NORGE oder NORWAY. Der Magnet vom Torghatten hat es dennoch an den Kühlschrank geschafft. Mein Ansinnen war jenes, möglichst die HR-Route mit Magneten nachbilden zu können und dazu brauchte es eben Ortsnamen. :)


    > Was war der Preis des Quizes?[/quote]


    Das weiß ich leider nicht genau. Es scheint aber etwas Wertiges gewesen zu sein, in einer kleinen Pappschachtel - irgendwie in Richtung Uhr gehend? Ich hätte mich jedenfalls gefreut. :)


    Viele Grüße
    Martin

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